Chancengleichheit – Ein Blick nach Myanmar

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In Deutschland liegt ja noch einiges im Argen in Sachen beruflicher Gleichbehandlung von Frauen und Männern und oft genug bin ich darüber frustriert. Aber wie so oft empfinde ich einen Blick über den Tellerrand als wohltuend und genau das habe ich in den letzten 3 Wochen getan.

Was bin ich froh, dass ich nicht nach fünf Jahren Unterricht die Schule verlassen musste, um zum Familieneinkommen beizutragen. Ich muss auch nicht jeden Tag Touristen bestürmen, Souvenirs bei mir zu kaufen. Und wenn ich mal wieder drei Tage lang keine Hose verkauft habe, muss meine Familie nicht hungern.

So geht es aber der 19jährigen Thiri, die ich in Myanmar kennen gelernt habe. Sie möchte gern in die Abendschule gehen und weiter lernen. Theoretisch ginge das, weil in Bagan nach Sonnenuntergang sowieso keine Touristen mehr die Tempel besichtigen. Praktisch scheitert sie daran, die Kosten in Höhe von 150 Tausend Kwat (ca. 150 USD) anzusparen und genau so viel braucht sie für ein Schuljahr. Vor einigen Wochen hatte sie zumindest schon mal die Hälfte zusammen, aber dann wurde eine ihrer kleinen Schwestern schwer krank und auch Thiris Ersparnisse gingen für die Behandlung drauf.

Trotzdem hadert Thiri nicht mit ihrer Situation. Sie schämt sich ein wenig, weil sie in der Abendschule so viel älter sein wird als es ihrer Klassenstufe entspricht. Aber sie ist zuversichtlich, dass sie clever genug ist, hier und da Kurse abzukürzen und schnell in einen Jahrgang kommt, in dem sie mit anderen Älteren Teenagern zusammen lernt. Wenn sie dann ihren Schulabschluss hat, will sie zur Touristenführerin ausgebildet werden. Diese Ausbildung dauert nochmal 4 Jahre, aber sie freut sich darauf, weil sie gerne mit Ausländern zusammen ist. Von denen erfährt sie oft Dinge, die neu für sie sind und sie kann ihre Englischkenntnisse weiter verbessern.

Auch Cho Cho ist Touristenführer. Auch er ist das älteste Kind in seiner Familie, aber seine Eltern haben ihn immer zur Schule geschickt. Er hat nicht nur die High School, sondern auch das College mit Erfolg beendet und sich frohen Mutes nach einem Job umgesehen. Leider musste er feststellen, dass es als Kind vom Land ohne Beziehungen zum Militär in Myanmar nicht einfach ist, einen qualifizierten Job zu bekommen. Für ihn hat es sich als unmöglich herausgestellt und so freut er sich jetzt jedes Mal, wenn er als Führer gebucht wird. Und er hofft, dass nach den nächsten Wahlen der Einfluss der alten Militärgarde schrumpft, die Wirtschaft in Myanmar in den nächsten Jahren wächst und er darin seinen Platz findet.

Thiri und Cho Cho sind beide wissenshungrig und bereit zu investieren. Beide wurden ausgebremst und doch sehen beide zuversichtlich in die Zukunft. Sie wissen, dass eine Gesellschaft sich nicht über Nacht verändern kann und wünschen sich, dass sich der Machtverlust der Militärs friedlich vollzieht. Mehrfach wurde ich in Myanmar auf den Fall der Berliner Mauer angesprochen und wie sehr die Menschen dort Angela Merkel schätzen.

Es ist schön, in anderen Ländern zu hören, wie sehr das eigene Land sie inspiriert. Ich werde mir von Thiri und Cho Cho abgucken, zumindest ab und zu auf das bisher Erreichte dankbar zu blicken und dann mit neuer Kraft an der Bewältigung der nächsten Aufgaben arbeiten.

 

Miriam Semrau