„Je suis Charlie!“

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ist leider aus unfassbar traurigem Anlass eine Redewendung geworden, die auch alle diejenigen sofort verstehen, die kein Wort französisch sprechen. Es ist völlig egal, welche Sprache wir sprechen, welcher Religion wir angehören, egal ob Frauen oder Männer: Wir alle wissen seit den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Tage, dass „je suis Charlie“ ein Synonym ist für Werte wie Meinungsfreiheit, Demokratie und Solidarität. Im täglichen Streben, die Karriereleiter hochzuklettern und das Bankkonto zu füllen, geht das Bewusstsein für den Stellenwert solcher Grundwerte leicht unter. Dass ich in diesem Blog pointiert meine Meinung und Kritik an gesellschaftlichen Strukturen betreffend der Gleichstellung von Frauen in der Arbeitswelt frei kundtun kann, habe ich bisher immer für völlig selbstverständlich gehalten. Dass ich dies dem Recht auf freie Meinungsäußerung und der Toleranz derjenigen zu verdanken habe, die meine Meinung zwar nicht teilen, aber akzeptieren und tolerieren, war mir zwar grundsätzlich bewusst, aber nicht wirklich gegenwärtig. Wir können uns nicht wirklich vorstellen, wie es wäre, wenn wir als Blogger im Netz einer Zensur ausgesetzt wären oder Anfeindungen, beispielsweise weil wir frauenfreundliche Themen vertreten, die sicherlich nicht jeder teilen kann und will. Dass das nicht so ist, verdanken wir in der Tat unserer demokratischen Werteordnung. Und damit das in Zukunft auch so bleibt, daran müssen wir alle mitarbeiten und dafür müssen wir alle solidarisch zusammenstehen, und zwar über Länder-und Religionsgrenzen hinweg. Machen wir uns nichts vor, es ist einfach gesagt, aber nicht ganz so einfach gelebt. Denn wenn wir für uns Meinungsfreiheit und Toleranz in Anspruch nehmen, dann müssen wir das in demselben Umfang auch Andersdenkenden zugestehen, ausgenommen natürlich diejenigen, die selbst diese Werte ablehnen, also Radikale jeder Couleur und Terroristen. Nicht jeder Pegida-Mitläufer ist wirklich radikal und steht außerhalb unserer Werteordnung. Und bei weitem nicht alles, was wir als frauenfeindlich ansehen würden, wie die Vollverschleierung von Frauen, wird von allen Frauen als solches empfunden. Genau dort beginnt die Meinungsfreiheit, uns allen viel abzuverlangen. Sie ist kein einseitiges Geschenk an uns, sondern eine Herausforderung für alle. Sie schützt nicht nur unsere Meinung, sondern gerade auch die Meinung derer, die das genaue Gegenteil von dem vertreten, was wir für richtig halten. Das müssen wir in einer Demokratie aushalten, selbst wenn es noch so schwer fällt. Natürlich dürfen und sollten wir versuchen, den Andersdenkenden von unserer Auffassung zu überzeugen, aber wenn das mit den Mitteln des Wortes – oder der Bleistifte – nicht gelingt, haben wir dessen Meinung zu akzeptieren, ohne ihn als Menschen zu verurteilen. Das gilt für andere Werteordnungen und Wertvorstellungen, z.B. hinsichtlich der Stellung der Frau in der Gesellschaft, wie auch für dumpfe Demagogie. So lange Andersdenkende keine strafbaren Handlungen begehen, also beispielsweise in Extremismus oder Terrorismus abgleiten, können wir sie nur mit Worten bekämpfen und dafür benötigen wir das Recht auf freie Meinungsäußerung und eine freie Presse.

Unsere französischen Nachbarn zeigen uns gerade in Paris und überall im Land, was Grenzen überwindende Solidarität – ein freier Geist – bedeutet; wir sollten uns alle anstecken lassen.

 

Pia-Alexandra Kappus