Tempowechsel

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Seit ich denken kann, gehöre ich zu den Leuten, denen andere immer sagen „auch Du kannst nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen“. Meist denke ich dann leicht trotzig „will ich aber“. Und was ich mache, mache ich aus vollem Herzen und mit aller möglichen Energie. Ich komme selten vor 22h aus dem Büro, in meiner Freizeit lebe ich eine Art 2. Job,  in dem ich Krimis lese, sie auf meinem Blog und im Radio rezensiere, Lesungen besuche, hin und wieder einen Autor interviewe und von keiner Buchmesse je genug kriege. Ach ja, und ich bin mehrfache, leidenschaftliche Patentante und besuche regelmässig meine Freunde (auch die ohne Kinder). Sport? Ja, der ist in letzter Zeit zu kurz gekommen. Vor allem im Winter kann ich mich vor der Arbeit nicht dazu aufraffen. Und mein Schlagzeug fühlt sich auch stark vernachlässigt. Mein Kalender ist voll und ich liebe es, all diese unterschiedlichen Dinge in meinem Leben zu machen. Ach ja, und wenn ich Urlaub habe, gebe ich ungehemmt meinem ständigen Fernweh nach. Meist entscheidet die Jahreszeit, in welche Himmelsrichtung ich fliege.

So sah mein Leben zumindest bis Anfang diesen Jahres aus. Dann hat sich beruflich eine Trennung von meinem Arbeitgeber ergeben und nach einem Moment des Realisierens der neuen Situation hab ich gedacht: „Das ist DIE Chance für eine Auszeit, für den Sabbatical, der in den letzten Jahren nie reinpasste. Ich such mir nicht direkt einen neuen Job, sondern gönne mir eine Pause.“ Ich plante also die kommenden 6 Monate: erstmal 5 Wochen in L.A. und Hawaii urlauben, dann 4 Wochen in New York prüfen, ob ich eine mir angebotene Buchhandlung übernehmen möchte, zurück in Deutschland ein mir angebotenes Buchprojekt mit einem Verlag ausarbeiten und dann eine Reise ins Death Valley unternehmen, um meine Prioritäten zu schärfen.

Mit vollem Elan ging ich in die erste Etappe meiner Auszeit, verbrachte eine Superzeit mit Freunden in L.A. und machte mich dann daran, binnen 4 Wochen alle 6 bereisbaren Inseln Hawaiis kennen zu lernen. Und dabei lebte ich zum ersten Mal so, als würde ich in den USA wohnen. Und stellte fest, dass ich dort aus verschiedenen Gründen nicht für länger leben möchte. Irritiert sagte ich daraufhin die Reise nach New York ab, denn warum sollte ich dort noch eine neue berufliche Existenz in Betracht ziehen? Ich flog zurück nach München und verbrachte ein paar ruhige Tage. Und dann geschah etwas sehr ungewöhnliches. Etwas für mich sehr überraschendes: Ich begann, in den Tag hineinzuleben.

In aller Ruhe schlief ich den Jetlag aus. Ich besuchte hin und wieder Freunde, ging spontan in Konzerte und blieb auch einfach mal bis nachmittags lesend im Bett. Und ohne die gewohnte Aktivitätsroutine meldete sich mein Körper zu Wort. Ich gewöhnte mir an, morgens als erstes zu meditieren, bevor ich sporteln ging. Ich holte mir einen Online-Lauftrainer und folge seitdem strikt dem Tagesplan. Mir fiel eine Entschlackungsmethode in die Email-Inbox, die mich ansprach und seit 5 Wochen wende ich die auch konsequent an. Ich nenne das „meinen Körper generalüberholen“ und liebe es, mich wieder körperlich leichter und fitter zu fühlen. Als nächstes gönne ich Geist und Seele einen Neustart, denn wie ursprünglich geplant fliege ich im Mai tatsächlich ins Death Valley und begebe mich auf eine „Vision Quest„, ein schamanisches Ritual, in dem ich als Kernstück 3 Tage und Nächte alleine in der Wüste fastend kampiere.

Es ist also nicht so, als würde ich in meiner beruflichen Auszeit keine Herausforderungen suchen. Aber es sind andere als sonst. Ich bewege mich bewusst aus meiner Komfortzone heraus und bin gespannt, was dies mit mir anstellen wird. Welche Aspekte meines bisherigen Lebens werde ich danach rausschmeissen, welche stärker gewichten? Ich bin gespannt und gebe mir Zeit, das in Ruhe zu erleben. Ein kompletter Tempowechsel zu vorher. Und ich geniesse jeden Tag davon.

Haben Sie sich auch schon eine Auszeit gegönnt? Und wie haben Sie die verbracht? Ich bin gespannt, Ihre Erfahrungen in den Kommentaren zu lesen.

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