Berufstätige Frauen in Frankreich – „Tigermütter“ – ohne Herz?

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Frankreichs Kleinkinder sind gut versorgt – ein Erfahrungsbericht aus Nantes

Henry ist noch nicht ganz zwei Jahre alt, aber er hat einen Plan. Einen Plan, den er sich nun anschickt, in die Tat umzusetzen. Das Fahrrad, auf dem sein Krippenfreund Paul, sitzt hat es ihm angetan. Und wie man das eben so regelt, wenn man noch nicht sprechen kann, schubst man den anderen schnurstracks herunter. Was Henry bisher allerdings nicht bemerkt hat: Er ist längst umzingelt von zehn Augenpaaren. Fünf Erzieherinnen stehen um ihn herum, und was er nicht gesehen hat, bekommt er nun zu hören: „Henry“, ruft es laut, „sag sofort Entschuldigung“, und in der nächsten Sekunde stürmt eine wahre Heerschar – so muss es aus Kindersicht aussehen – über die beiden Kontrahenten her. Während die eine Hälfte Henry ordentlich zurecht weist, kümmert sich die andere um den weinenden Verlierer dieses Duells.

So gesehen hatte Henry es aber auch wirklich schwer. Der Garten der deutsch-französischen Kinderkrippe, in der ich momentan mein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland verbringe, ist zwar recht weitläufig, aber es gibt keinen Millimeter, der nicht unter sorgsamer Bewachung steht. Was in Deutschland oft beklagt wird, ist hier nicht einmal der Hauch eines Problems: Erziehermangel, das Wort taucht hier nicht auf. Auf acht Kinder kommen im Durchschnitt zwei Erwachsene, wenn nicht sogar drei. Das gut ausgebaute Krippensystem ermöglicht es mehr als der Hälfte der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren, Vollzeit zu arbeiten. Man kann vermuten, das liege an dem global erstarkenden Recht der Frauen, sich die Karriere nicht durch das Kind verbauen zu lassen, es sei sozusagen ein neuer Trend, aber dem ist nicht so. In Frankreich hat die Krippe Tradition und einen festen Platz im Gesellschaftssystem. Das klang für deutsche Ohren schon immer leicht verdächtig: „Was sind das nur für ‚Rabenmütter‘ da auf der anderen Seite des Rheins, die ihre Kinder ab drei Monaten – auch ganztägig! – weggeben“, wundert man sich bis heute.

Sind das also wirklich alles „Tigermütter“, die ihre Kinder in der Krippe „aussetzen“, ohne Herz? Wenn man sich das morgendliche Treiben am Eingang der Krippe hier in Nantes anschaut, dann ist die Frage eindeutig zu verneinen. Durchschnittliche Familien kommen hier an, die Mütter wirken sympathisch, keine kommt mit Stöckelschuhen, Aktentasche und iPhone in der Hand und wirft gestresst ihr Kind ab. Das System funktioniert. Nach zwei Minuten haben die Kleinen die Mama auch schon vergessen und wenden sich dem Spiel mit ihren Altersgenossen zu. Abends sind sie zwar froh, wenn die Eltern kommen, aber es macht nicht den Eindruck, als hätten sie sie tagsüber sonderlich vermisst. Die Krippe ist wie eine kleine Familie für sich, es werden Freundschaften geknüpft, Betrug gemeinsam ausgeheckt, es wird gekämpft und gestritten, gelacht, geweint und am Ende sind alle Beteiligten froh, wenn dieses ständige Miteinander – die Interaktion für eine Stunde Mittagsschlaf unterbrochen wird. Pause, Erholung, bevor es von vorne losgeht. Mitten in diesem Gewusel aus flinken Beinen und Kuscheltieren vermittelt die Krippe den Kindern aber auch eine Ordnung, einen Halt, sie müssen sich dem anpassen – kein Platz für Egoismus, jeder muss mitziehen, gegessen wird das in der Krippe frisch Gekochte gemeinsam, gespielt auch. Der Vorteil ist, dass alle annähernd gleich behandelt werden, keiner wird über- oder untervorteilt oder anders gesagt: Jeder bekommt mal gerechter, mal ungerechter Weise „sein Fett weg“. Manche Mitarbeiter sind schon an die zwanzig Jahre im Geschäft, so z.B. die sympathische Schwäbin Maria. Ihren Akzent im Deutschen hat sie nicht verloren über die vielen Jahre hinweg, die sie nun schon in Frankreich lebt, und wenn sie einen Verdacht hat, dann spricht sie ihn sofort aus: „Hascht Kaka in der Windel?“ ist eine ihrer Fragen, die sogar die rein französischsprachigen Kinder sofort verstehen .Dann heißt es Abmarsch auf den Wickeltisch, so wie generell dreimal täglich die Windel der Kleinen zu festgelegten Uhrzeiten „überprüft“ wird. Es ist eben alles geregelt in der Krippenwelt.

Ob das Konzept jetzt nun gut, schlecht oder einfach nur „anders“ ist, das Urteil mag jedem selbst überlassen sein. Denn am Ende ist es eine persönliche Entscheidung der Eltern, das Kind „behütet“ im familiären Umfeld zu erziehen oder eben in eine Krippe mit Gleichaltrigen zu geben, wo sowohl der Umgang mit den anderen Kindern, als auch die Erziehungsmethode der Verantwortlichen nicht in den Händen der Eltern liegen. Wenn man den kleinen Johannes an einem Abend in diesem Januar 2015 dazu befragen würde und er denn schon ausreichend sprechen könnte, dann hielte er von der Krippe und der Entscheidung seiner Eltern wohl nicht viel. Denn alle seine Freunde sind schon abgeholt worden, nur er nicht und so erwartet er ausnahmsweise auch mal sehnsüchtig seine Eltern an der Eingangstür – doch die kommen erst in einer halben Stunde. Eins lässt sich in einer Krippe nämlich, egal ob Erwachsener oder Kind, auch unglaublich gut lernen: Warten. Warten auf den Rhythmus der Gruppe und die Dynamik, die ein ganz normales Mittagessen erhalten kann, wenn Zwei sich nicht einigen können, wer denn als erster etwas zu essen bekommt. Das führt zwangsläufig zu Geschrei, weil die Kleinen sich noch nicht anders zu helfen wissen. Auch das ist ein wichtiger Faktor der Krippe: Ein konstanter Lärmpegel begrüßt einen schon morgens frei nach dem Motto: Wenn einer sich beruhigt hat, dann findet sich im Anschluss garantiert der nächste „Schreihals“. Aber über alledem steht die Erfahrung, in zehn bis zwanzig erwartungsvolle Augen zu blicken, wenn ein neues Spiel, eine neue Aktivität beginnt. Das Lachen eines Einzelnen steckt die Gruppe an, wenn einer weint, wird er getröstet – jeder findet schon seinen Platz: Der stille Maxime in der Leseecke, der aufgedrehte Paul auf der Rutsche. Das erstaunliche im Trubel ist immer wieder, dass keiner untergeht. Das ist es, was mir persönlich im Gedächtnis bleibt, wenn ich meinen kleinen Weggefährten Thibault, den ich jeden Tag morgens und abends mit in die Krippe nehme, wieder gut zuhause abgeliefert habe. Das Vertrauen der Kinder in diese Welt, die sie sich zwar nicht ausgesucht haben, der sie aber mit einer riesigen Portion Freude entgegensehen. Und mit Sicherheit halten sie ihre Mütter nicht für Rabenmütter, sondern sind sich sicher, dass sie wie kleine Tigerbabys beschützt und bewacht sind, tagsüber von mindestens 10 Augenpaaren und ansonsten von ihren Eltern.

Noah Kappus

Der junge Autor (18) macht derzeit ein FSJ in einer bilingualen Kindergrippe in Nantes

(Frankreich)

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